Selbstwert

Selbstwert – Ein Thema hat es in sich

Nicht nur weil Zweifel am eigenen Wert epidemisch verbreitet zu sein scheinen, sondern auch, weil diese Zweifel eine fundamentale (Un-) Art sichtbar werden lassen,  aus welcher Perspektive heraus wir uns selbst betrachten und wie wir zueinander  – und oft genug gegeneinander – stehen.

Das grundlegende Problem besteht aus meiner Sicht darin, dass das grundlegende Problem gar nicht mehr gesehen wird: Wir legen den Wert eines Menschen fest! Wir tun so, als sei der Wert eines Menschen verhandelbar und von etwas abhängig, das beliebig definiert werden kann. In unserem Kulturkreis wären das beispielsweise Leistung, Besitz, Status und Aussehen.

Es kommt uns ganz normal vor, uns selbst und anderen Menschen auf Basis einer Liste von Eigenschaften, Merkmalen, Leistungen und Verhalten, die irgendjemand auf einem Spektrum von wertvoll zu wertlos definiert hat, einen Wert zuzuordnen.

Viele merken gar nicht, dass sie sich selbst und andere permanent bewerten, weil es ihnen so normal vorkommt. In der Regel heißt werten allerdings – Abwerten.  Denn in einer solchen Hierarchie strebt natürlich jeder nach den Plätzen ganz oben. Doch da kommt man nun einmal nur hin, wenn andere weiter unten sind.

Selbstwert Denken in Schubladen

Wenn wir über Selbstwert sprechen, unterscheiden wir also nicht mehr zwischen einem Menschen und seinem Verhalten, sondern wir ziehen Schlüsse über den kompletten Menschen auf Basis seines Verhaltens, seines Aussehens oder den Dingen, die er besitzt. Oft genug picken wir eine einzige Situation heraus, um Aussagen über den ganzen Menschen zu treffen. Wir denken gar nicht weiter darüber nach, dass wir einen einzigen Moment zu einer starren Wahrheit werden lassen   und verbannen eine Person, die doch viel mehr ist als nur dieser eine Moment, in eine Schublade, aus der sie so schnell nicht mehr raus kommt. Das perfide ist: die meisten Menschen verhalten sich so, es gibt kaum Widerspruch, alle sind sich einig.  Auf – und vor allem abwerten sind die ganz normale Tagesordnung. Auf diese Weise wird der Druck, der entsteht gar nicht mehr als Druck erlebt bzw. Menschen, die sichtbar unter dem Druck leiden, erhalten in der Regel den nächsten Stempel: sie sind schwach. Die Folge ist, dass viele Betroffene anfangen, selbst an ihre Höher-oder Minderwertigkeit zu glauben.

Selbstwert – Teuer erkauft

Die Währungen, mit der wir spielen, heißen Zugehörigkeit, Liebe und den Zugang zu Ressourcen und damit Erfolg im Leben. Und weil es um diese basalen menschliche Bedürfnisse geht, ist das Spielen mit dem (Selbst-) Wert einer Person so effektiv und gleichzeitig so perfide. Wer jetzt an Machtmissbrauch und Mobbing denkt, ist auf der richtigen Spur – denn das sind die Dimensionen, um die es letztlich geht. Wer sich selbst oder anderen aufgrund definierter äußerer Kriterien einen Wert zuschreibt, übt Macht aus. Denn:

  • Glauben wir an so etwas wie einen variablen Selbstwert, dann öffnen wir Fremdbewertungen und Fremdbestimmung Tür und Tor. Nicht mehr wir selbst, sondern andere entscheiden über das, was uns ausmacht. Wir tauschen das, was uns selbst wertvoll ist gegen etwas ein, das zu sein hat. Aus dem, was wir möchten, wird etwas, das wir besitzen müssen, weil es Ansehen verspricht und der Weg, wie wir zu unseren Zielen gelangen, wird zu einer Norm. Entweder wir entsprechen diesen Forderungen oder wir tun es nicht. Dann sind wir entweder drin oder draußen.
  • Prüfen Sie sich selbst: Wie gehen Sie mit Leuten um, die nicht in What‘s app sind? Bedenken sie diese Leute gleichermaßen mit Informationen? Sind diese Leute drin oder draußen?

Wie gehen Sie mit dem einen Kollegen um, der sich der Meinung der Mehrheit nicht anschließen will? Wie mit der Kollegin, deren Aussehen und materielle Ausstattung nicht „normal“ ist? Drin oder draußen? Und seien Sie streng mit sich: Belächeln gilt schon als draußen.

  • Auf den Punkt gebracht: Folgen wir der Idee, der Wert eines Menschen sei verhandelbar,
    berauben wir uns eines großen Teils unserer Individualität und normieren uns selbst.
  • Wir orientieren uns an und beugen uns Maßstäben, die außerhalb von uns liegen.
  • Unter dem (scheinbaren und echten) Druck, stigmatisiert zu werden und von existenziellen Dingen, zumindest von
    Privilegien dauerhaft ausgeschlossen zu werden, kann an diesen Schrauben fast beliebig gedreht werden.

Selbstwert – Eine verdrehte Welt

Leistungsbereitschaft verwandelt sich so zum Diktat der (Selbst-) Ausbeutung, die Lust, die eigene Schönheit zu zeigen in das Diktat, allzeit jung und schlank zu sein und sich über Kleidung und sonstige Konsumartikel in einer Weise individuell zu zeigen, die merkwürdigerweise darin besteht, genauso zu sein wie alle anderen.

Dekliniert man Selbstwert durch, kommt man schnell zu der Frage: wer oder was bestimmt eigentlich den Wert eines Menschen? Wert für wen? Für die Gesellschaft, für Vorgesetzte, für Stakeholder, für Freunde, für Angehörige?  Sind die so genannten Leistungsträger unserer Gesellschaft mehr wert als der Durchschnittsbürger? Ein Gymnasiast mehr als ein Werkreal- oder Realschüler? Ist ein Erwerbstätiger mehr wert als jemand, der keiner Arbeit oder einem Ehrenamt nachgeht? Ist ein Gesunder mehr wert als ein geistig Behinderter? Ist ein Inländer mehr wert als ein Ausländer?

Sie sehen, Wert und Selbstwert sind die ganz großen Fragen und sie sind aktueller denn je. Mit den Antworten, die wir darauf finden,  bewegen wir die Welt.

Schauen Sie sich in Ihrem eigenen Umfeld um: Wie viele Leute kennen Sie, die nicht wenigstens ab und an mit sich hadern, weil sie der ein oder anderen Norm nicht entsprechen? Und: wie viele Leute kennen sie, die nicht mit anderen hadern, weil sie nicht der Norm entsprechen? Und die Sache mit dem Hadern gibt es ja in allen Schattierungen …

Mit anderen Worten: Wir verwenden einen Großteil unserer Energie darauf, diesen Maßstäben zu entsprechen. In unserem Bestreben, andere abzuhängen, damit wir selbst besser dastehen, halten wir uns gegenseitig in Schach.

Und weil so wenige diese Selbstwertthematik hinterfragen, sondern damit beschäftigt sind sie zu lösen, werden wir dazu ermutigt, große Mengen an Geld und  Energie auszugeben, um uns Strategien anzueignen, mit denen wir lernen sollen, unseren Selbstwert zu heben oder unseren Mangel daran zu kompensieren. Wir ergehen uns in eine normierte Selbstoptimierung, während unser wirkliches, ur-eigenes Potential in der Regel brach liegt.

Was eine Verschwendung des wirklich Wertvollen! Wie wäre es damit?

Es geht auch anders – Würde anstatt Selbstwert

  • Die Würde des Menschen ist unantastbar. Der Wert eines Menschen ist nicht verhandelbar. Jeder Mensch ist eine Kombination aus individuellen Potentialen und Fähigkeiten. Wir sind aufgefordert, uns die Mühe zu machen, danach zu suchen anstatt Anpassung an eine Norm zur Norm zu machen.
  • Drehen wir doch unser Ordnungsprinzip um: Wir leben ganz sicher nicht ohne Normen, doch passen wir sie so an,
    dass sie uns dienen und nicht wir ihnen.
  • Einzelnes abweichendes Verhalten ist ein erster Hinweis und häufig auftretendes abweichendes Verhalten
    ist ein sicherer Hinweis darauf, dass die Norm sich selbst überlebt hat und geändert werden muss.

Würden wir nach diesen Regeln leben, dann wären wir Abweichlern dankbar und würden sie nicht oder weniger sanktionieren! Welch wohltuende Auswirkungen hätte das wohl beispielsweise in Schulen oder in Unternehmen!

Fazit

Es wird immer wieder vorkommen, dass Sie feststellen, dass Sie oder jemand anders anecken, anders sind oder etwas nicht so hinbekommen wie es hätte sein sollen. In solchen Situationen haben Sie jedoch eine Wahl:

Wählen Sie den Weg, sich und andere zu bewerten? Mit all seinen Konsequenzen? Oder gehen Sie davon aus, dass Sie und / oder jemand anders ein Verhalten gezeigt hat, dass eine unangenehme Konsequenz nach sich gezogen hat.

Ich versichere Ihnen: letzteres ist der leichtere Weg. Denn selbst wenn es in der Folge zu harten Auseinandersetzungen kommt: Sie belassen damit sich selbst und den anderen in seiner Würde. Und das ist eine hervorragende Basis für ein konstruktives Miteinander!

Der Mehrwert steigt für alle, wenn wir möglichst alle im Blick haben. Es ist vor allem unsere Grundüberzeugung, die uns glauben macht, dass andere in erster Linie darauf aus sind, unser Wohlergehen zu schmälern. Es liegt an uns, diese Überzeugung zu hinterfragen. Uns umzuschauen und der Erfahrung Raum zu geben, dass andere durch ihre Existenz und durch ihr Tun dafür sorgen, dass das Wohlergehen insgesamt steigt. Die Fähigkeit, das Wertvolle in uns selbst und in anderen zu sehen, liegt nicht bei anderen – sie liegt in uns.

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