Business unusual – Teil 1 Die unternehmerische Welt in Bewegung

Die Rahmenbedingungen und Machtverhältnisse in der Arbeitswelt verändern sich für alle
Akteure so rasant und tiefgreifend, daß die wachstums- und gewinnorientierte Art und
Weise des Wirtschaftens mittlerweile auf eine sehr grundsätzliche Art in Frage gestellt
wird….

Nicht mehr nur von Arbeitnehmern, sondern zunehmend auch von den Unternehmen
selbst. Die Motivation ist unterschiedlich, und alle Facetten von Unternehmensführung
sind davon berührt – ihre Grundlagen, Organisationsprinzipien, Führungskultur, die Verteilung
von Macht und Verantwortung, Kommunikation, etc. Ethisch und nachhaltig agierende
Unternehmen gehen voran und vollziehen einen Bewußtseinswandel, den es braucht,
damit Arbeit wieder dem Menschen dient und nicht umgekehrt. In der Reihe »Business
unusual« erfahren Sie, was diese Unternehmen anders machen.

Wir kennen sie alle: Politische Akteure, die unübersehbare Umweltschädigungen durch den Menschen leugnen, ignorieren und weiterführen. Nahezu folgenlose Betrugsskandale großer heimischer Unternehmen. Dazu Fachkräftemangel und Heranwachsende, die in vielerlei Hinsicht völlig anders denken und handeln als die Generationen davor. Doch es gibt auch Ausnahmen! Noch sind es wenige Unternehmen, die konsequent auf
Ökologie und ethisches Verhalten setzen. Denn es lohnt sich nach wie vor, Umwelt und Menschen auszubeuten!
Und die Grundhaltung, den eignen Nutzen ungeachtet massiver Kosten für andere in die Höhe zu treiben,
beherrscht noch immer das Denken der meisten Menschen und Unternehmen. Gleichzeitig gibt es immer
mehr Firmen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit widmen. Umwelt und Mensch bewußt Schaden zuzufügen,
ist heute mehr als ein Kavaliersdelikt. Durch die vielen mutigen Schritte Einzelner beginnt sich die Wirtschaft
auch insgesamt zu bewegen. Sei es aus Einsicht, schierer Notwendigkeit, als Reaktion auf die Macht der
Konsumenten, als Wettbewerbsvorteil oder auf öffentlichen Druck – der Erhalt der Natur und das Wohl von
Mensch und Tier ist spürbar in das unternehmerische Blickfeld geraten. Eine wachsende Zahl von Unternehmen
gibt sich Strukturen, die auf dem Vertrauen in menschliche Vernunft und Mitgefühl basieren. Sie geben individueller
Entwicklung bewußt Raum, nehmen ihre unternehmerische Verantwortung wahr und agieren in der Haltung, das
Wohl aller mit dem eigenen Wohlergehen zu verknüpfen. Dabei messen sie sich nicht nur an der Höhe ihrer Gewinne, sondern vor allem an ihrem Beitrag für die Allgemeinheit. Auf diese Weise verwandeln sie den Wettbewerbsnachteil »Ökologie & Ethik« in ein hohes ökonomisches Gut. Wie gelingt das?

Die Nachwehen einer fatalen Entscheidung

Ökosysteme sind subtil aufeinander abgestimmt und verbinden sich zu einer lebendigen und harmonischen Ordnung, die darauf ausgerichtet ist, immer neues Leben hervorzubringen. Irgendwo auf dem Weg der Menschheitsgeschichte erwachte das menschliche (Selbst-)Bewusstsein und mit ihm das Begreifen der eigenen Ohnmacht angesichts des natürlichen Geschehens. Der Wunsch war geboren, der Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit natürlicher Vorgänge zu entkommen. Auf einer sehr basalen Ebene betrachtet, dürfte das Bestreben, die Natur zu unterwerfen wohl auch heute noch einer der mächtigsten Antreiber sein, der einerseits hinter dem enormen Erfindungsgeist der Menschen steht, andererseits aber auch für den Zustand unserer Welt verantwortlich ist. Jeder neue Erfolg in diesem Kampf befeuert auch erneut die Mischung aus Existenzängsten und menschlicher Hybris. Sie legt es nahe, sich der eigenen Macht immer wieder zu vergewissern, indem sich der Mensch die Machbarkeit der Dinge beweist anstatt zu manifestieren, was sinnvoll ist und dem Leben dient.

Unsere kollektive Angst führt also zu einer immer weiteren Entfremdung von natürlichen Vorgängen und setzt eine Kettenreaktion in Gang, die – grob zusammengefasst – ungefähr so geht: Schwindende Achtung – Verachtung – Vernichtung. Da Mensch und Natur sich jedoch nicht trennen lassen, gehen wir mit uns selbst und anderen Menschen auf die gleiche Weise um. Wir als Menschheit werden das so lange tun, bis diese Kettenreaktion unterbrochen wird – indem wir das ursprüngliche Szenario „Ohnmacht“ mental verlassen.

Revidieren einer fatalen Entscheidung – Ökosystem Unternehmen

Die Menschen, die sich für nachhaltige Wirtschaft entschieden haben, revidieren die Grundsatzentscheidung sich als außerhalb der Natur zu betrachten und sich gegen sie zu wenden. Sie sehen den Menschen wieder als das, was er ist – ein Teil der Natur. Ausgestattet mit großartigen Fähigkeiten, die Großartiges hervorbringen können, solange sie dem Prinzip des Lebens folgen. In Trennung denkende Menschen sind diesem Prinzip entfremdet. Folglich wenden sie sich in den Unternehmen, die sie hervorbringen in vielfacher Weise gegen die Maxime des Lebens. Kontrolle und Kampf anstatt Vertrauen und Kooperation. Feindliche Menschen in einer feindlichen Umwelt.

Ökologisch-ethische Unternehmen dagegen attestieren sich selbst ein wachsendes, wenn auch noch immer geringes Verständnis für das schöpferische Grundprinzip. Was sie auszeichnet, ist das Bestreben, das was sie nicht verstehen zu achten. Auch sie versuchen, die Prinzipien des Lebens nachzubilden. Doch nicht um eine technische Ersatzwelt zu erschaffen, in der sie sich noch weiter von allem Natürlichen entfernen oder um höhere Gewinne zu erzielen, sondern um zur Vielfalt des Lebens sinnvoll beizutragen. Das Unternehmen als Ökosystem zu verstehen und zu führen wie einen lebendigen Organismus, macht Sinn. Denn natürlich – wer dem Leben dient, dem dient das Leben.

Neues Denken –  Neues Handeln – Neue Strukturen – Eine andere Welt

Wer sein eigenes Handeln an den Grundprinzipien des Lebens ausrichtet, kann nicht wirtschaften wie ein wachstumsorientiertes Unternehmen. Denn wer sich als Teil der Natur und sein Unternehmen als etwas Lebendiges versteht, wendet sich gegen sich selbst, sobald er Raubbau an Mensch oder Natur betreibt.

Das Denken fokussiert nicht länger auf das Trennende, sondern auf das, was verbindet. Damit löst sich eine grundlegende Konfliktlinie auf. Aus dem gewohnten Ich-gegen-Du kann ein Wir wachsen. Sämtliche Ziele, Strukturen, Produkte, Dienstleistungen, Prozesse, Entlohnungssysteme, die interne und externe Kommunikation bauen auf dieser Logik des Erschaffens auf: Weil es um das Wir geht, sind die kleinste Einheit Teams und nicht mehr einzelne Personen. Errungenschaften genauso wie Fehler sind Angelegenheiten des Teams und ziehen keine besondere Belohnung oder Schuldzuweisungen nach sich. Alle gestalten das Geschehen im Unternehmen mit, sind wichtig und verantwortlich für das Gesamtergebnis. Und weil die Existenz, also der Sinn des Unternehmens in einem Beitrag zum Leben besteht und im Alltagsgeschäft gelebt wird, behaupten die Menschen im Unternehmen das nicht nur, sondern lernen es zu verkörpern. Manche mehr, manche weniger. Manche schneller, manche langsamer. So wie alles Natürliche, ist auch diese Entwicklung ein Prozess.

Und wie bei allem Lebendigen werden sich einige Erscheinungsformen durchsetzen, andere sich als Sackgassen erweisen, es wird Nischenerscheinungen geben und weitere werden verschwinden.

Noch dominieren wachstumsorientierte Unternehmen den Markt. Doch die Kosten für diese Art des Wirtschaftens sind extrem hoch geworden, die massiven Schäden an Natur, Tier und Mensch unübersehbar. Was sich seit Jahren bereits in internationalen Studien andeutet, zeigt sich nun in Zeiten akuten Fachkräftemangels besonders deutlich: Im Gegensatz zu klassisch wirtschaftenden Unternehmen sorgt eine ökologisch-ethische („organische“) Ausrichtung für einen hohen Zulauf, starke Identifikation mit dem Unternehmen, hohen kreativen Output, gesundes Wachstum sowie unterstützende Strukturen und Kommunikationsstile. Ebenso stehen diese Unternehmen für eine deutlich geringere Fluktuation, sehr geringe Krankenstände und enorme Kosteneinsparungen durch Konflikte und Motivationsverluste, die gar nicht erst entstehen.

Sie passen in eine Welt, in der sich Kunden ihrer Marktmacht immer bewusster werden und ein paar mutige und kommunikative Jugendliche ausreichen, um politische und wirtschaftliche Riesen als Zwerge zu entlarven. Denn nichts ist mächtiger als das Leben.

 

Lesen Sie in den nächsten Ausgaben:

Teil 2     Ökosystem Unternehmen vs. Agiles Management
Agil ohne Sinn ist sinnlos

Teil 3     FührungsKultur braucht FührungsZäsur
Mindsets, Macht und Verantwortung

Teil 4     Kommunikation ist mehr als Sprache
Generationengap oder Brückenbauen

Teil 5     Arbeit 4.0 – Digitalisierung meets Menschenwürde